Anlegen und Vermögen

Das neue Stützrad der US-Wirtschaft heisst KI

Hohe Preise, steigende Zinsen und trotzdem Wachstum: Milliardeninvestitionen in künstliche Intelligenz stützen die US-Wirtschaft, schreibt US-Börsenkorrespondent Jens Korte in seinem Gastbeitrag. Doch welche Rolle spielen die Midterms? Jens Korte und BEKB-CIO Thomas Fischer ordnen gemeinsam ein, was die Wahlen für die Märkte und die Schweizer Wirtschaft bedeuten könnten.  

Drei Szenarien für die US-Midterms

Was bedeutet es, wenn die Republikaner beide Kammern behalten, die Mehrheiten sich aufteilen oder die Demokraten den Kongress übernehmen? US-Börsenkorrespondent Jens Korte und BEKB-CIO Thomas Fischer spielen drei Szenarien für den Kongress durch und ordnen ein, was sie für die Märkte und für die Schweiz bedeuten könnten. Zudem geht es um die Frage, ob an der Börse bereits zu viel KI-Optimismus eingepreist ist. 

Jens Korte Börsenkorrespondent New York

«Fast könnte man sagen, KI sei ‹too big to fail›.»

Jens Korte, Börsenkorrespondent New York

Jens Korte berichtet als Börsenkorrespondent aus New York über die Wall Street, unter anderem für SRF. Im Gastbeitrag beschreibt er, wie künstliche Intelligenz die US-Wirtschaft stützt und worauf es rund um die Midterms ankommt.

Warum die US-Wirtschaft noch solide wächst

New York hatte dieses Jahr einigen Grund zum Jubeln. Das liegt nicht nur an den zahlreichen Rekorden, die an der Wall Street aufgestellt wurden. Zum ersten Mal seit 1973 haben die Knicks die amerikanische Basketballmeisterschaft gewonnen. Die Stadt war für einige Tage im Ausnahmezustand. Jetzt im Oktober hat die neue Saison begonnen. Für das erste Heimspiel im Madison Square Garden wurden im Vorfeld die günstigsten Tickets zunächst für mehr als 1000 US-Dollar gehandelt. Zwar stoppten die Knicks den Verkauf wegen eines Preisfehlers wieder. Die korrigierten Preise sollten dennoch durchschnittlich zwölf Prozent über dem Vorjahr liegen. Für das finale Heimspiel im Juni mussten die Fans für das billigste Ticket 9000 US-Dollar hinblättern. Dennoch war der Garden ausverkauft.

Es ist erstaunlich, wie spendabel die Amerikaner trotz zahlreicher Herausforderungen sind. Die hohen Preise setzen vielen Menschen im Land zu. Ich bin gerade einige Tage durch Idaho, Wyoming und Colorado gereist. Vor allem die hohen Spritpreise entnerven die Leute. Diesel kostet so viel wie nie zuvor und lag zeitweise mehr als 60 Prozent über dem Vorjahreswert. Zwar fahren nur wenige Amerikaner Dieselautos, doch der Kraftstoff wird in der Industrie, im Transport und vor allem in der Landwirtschaft gebraucht. Die höheren Kosten werden entsprechend weitergegeben, was den Inflationsdruck verstärkt. Auch Heizöl dürfte im Winter erheblich mehr kosten als im Vorjahr. Die Teuerung ist auch der massgebliche Grund, weshalb die US-Notenbank erstmals seit drei Jahren die Zinsen angehoben hat.

Dennoch wächst die US-Wirtschaft noch solide. Auch der Arbeitsmarkt zeigt sich widerstandsfähig. Woher kommen die Impulse für die grösste Volkswirtschaft der Welt? Ein grosser Teil der neuen Stellen entsteht im Gesundheitssektor. Das Wirtschaftswachstum wiederum profitiert von den Investitionen rund um künstliche Intelligenz. Ein Drittel des gesamten Wachstums könnte dieses Jahr aus dem Bereich kommen.

Milliardeninvestitionen in künstliche Intelligenz

Es sind gewaltige Investitionen. Alleine die fünf grossen US-Technologiekonzerne Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle wollen im laufenden Jahr zusammen mehr als 700 Milliarden US-Dollar investieren. Ein grosser Teil davon fliesst in Rechenzentren, Chips, Stromversorgung und weitere KI-Infrastruktur. Meta baut im Bundesstaat Louisiana ein Rechenzentrum auf einem rund neun Quadratkilometer grossen Areal – das entspricht ungefähr einem Sechstel der Landfläche Manhattans. Vom KI-Schub profitieren nicht nur Chipkonzerne wie Nvidia, Intel oder Micron Technology, sondern auch Unternehmen aus dem Infrastruktur- und Energiebereich wie Caterpillar oder GE Vernova.

Es sind zum einen die direkten Effekte, die zum Wachstum beitragen. Zum anderen helfen auch die Kursgewinne der vergangenen Jahre. Zumindest ein Teil der Bevölkerung hat an der Börse kräftig mitverdient und zeigt sich beim Konsum entsprechend spendabel. Da verwundert es wenig, dass die Regierung um Präsident Donald Trump der Party keinen Riegel vorschieben will. 

Strom, Wasser, Schulden: Die Kehrseite des KI-Booms

Aus der Bevölkerung ist jedoch vermehrt Kritik zu hören. Das liegt zum einen am hohen Stromverbrauch der Rechenzentren. Viele Kommunen befürchten, dass dadurch die Strompreise steigen könnten. Doch auch Wasser ist ein Thema. US-Handelsminister Howard Lutnick verweist zwar darauf, dass die Rinderhaltung einen höheren Wasserverbrauch hat. Doch je nach Grösse, Standort und Kühlsystem kann ein Rechenzentrum rund eine Million Liter Wasser benötigen – pro Tag! An der Wall Street wird über den Verbrauch weniger diskutiert. Dafür ist die Finanzierung ein grosses Thema. Ein nicht unerheblicher Teil der Investitionen wird nicht aus eigenen Mitteln, sondern über Kredite oder andere kreative Methoden finanziert.

Der amerikanische Finanzminister Scott Bessent glaubt, dass KI auch zur Schuldenbekämpfung einen erheblichen Beitrag leisten wird. Er rechnet mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von dauerhaft über drei Prozent – auch dank KI. Damit sollen die USA aus ihren Schulden herauswachsen. Für das Haushaltsjahr 2026 wurden Zinskosten von durchschnittlich rund 2,8 Milliarden US-Dollar veranschlagt – pro Tag! Damit zählten sie in der Prognose zu den grössten Posten im Staatshaushalt und lagen noch vor den Militärausgaben.

Welche Rolle die Midterms spielen

Vor zwei Jahren habe ich an dieser Stelle das letzte Mal geschrieben. Damals ging es um die Präsidentschaftswahl und die Frage, ob die Wall Street ohne ihre bisherigen Stützräder den Kurs halten kann.2025 wurde nicht zuletzt wegen Trumps Zöllen ein wildes Jahr, fand an der Wall Street aber ein positives Ende. Rückblickend lautet die Antwort deshalb: Ja, die Börse hat den Kurs gehalten. Allerdings ist mit der künstlichen Intelligenz ein neues Stützrad hinzugekommen.

Die Midterms im November bilden nun den politischen Rahmen für die zweite Hälfte von Trumps Amtszeit. Sie beeinflussen, wie gut er seine Vorhaben bei Steuern und Staatsausgaben im Kongress durchsetzen kann. Für die Wall Street dürften jedoch die Geopolitik, die Inflation und die Unternehmensgewinne wichtiger bleiben als die Mehrheitsverhältnisse im Kongress.

«Entscheidend sind nicht die Wahlen, sondern ihre Folgen.»

Thomas Fischer , BEKB Chief Investment Officer

Für Anlegerinnen und Anleger in der Schweiz zählt weniger, wer die Midterms gewinnt, als was danach möglich wird: bei den Staatsausgaben, im Handel und bei den Zinsen. Das beeinflusst Unternehmensgewinne und Wechselkurse. Wer breit diversifiziert anlegt, muss deshalb nicht auf einen bestimmten Wahlausgang setzen.

Was 2027 für die Wall Street entscheidend wird

Viel dürfte davon abhängen, ob die Inflation abkühlt. Die Teuerung belastet nicht nur die Bevölkerung, sondern treibt auch die Zinsen an den Anleihemärkten nach oben. Und diese wiederum führen zu höheren Kosten für Kreditkarten, Autokredite oder Hypotheken. Steigende Zinsen bedeuten auch für Aktienmärkte häufig kein günstiges Umfeld. Umso erstaunlicher ist es, dass die Wall Street im bisherigen Jahresverlauf 2026 so entspannt geblieben ist.

Viel hängt aber auch davon ab, wie es mit KI weitergeht. Werden die Gelder weiterhin fast ungebremst in den Sektor fliessen? Was KI helfen könnte, ist die Tatsache, dass Börse und US-Wirtschaft ohne sie deutlich an Dynamik verlieren dürften. Anders formuliert: Fast könnte man sagen, KI sei «too big to fail». Die Regierung dürfte viel unternehmen, damit die Party weitergeht. Auch, um sich nicht von China abhängen zu lassen. Ob das alles sinnvoll ist, auch ökologisch betrachtet, bleibt eine andere Debatte.

KI, Kredite, Konjunktur und Kriege: Es ist eine spannende Ausgangslage für 2027.

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Publikationsdatum: 23.10.2026

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